Bauchgefühl ein verdammt kluger Kopf

editorial – Medienkuss Juni 2022

Ist die Presse- und Meinungsfreiheit in Europa bedroht? Sind unsere Medien in Deutschland unabhängig und überparteilich? Es stellte sich alsbald heraus, dass viel zu viele Medien nicht nach dieser Vorgabe handeln, die für jeden Journalisten eigentlich eine Pflichtaufgabe und Herzensbedürfnis sein sollte. ARD und ZDF sehen das wahrscheinlich anders. Die Schwarz/Weiß-Malerei hat laut einer Wortmeldung eines Teilnehmers in diesen Fernsehsendern erschreckende Ausmaße erreicht. So hat sich die Sendung Frontal der Aufgabe gestellt, mit Fakten zu belegen, ob Anfang der 1990er Jahre das Thema Osterweiterung der NATO tatsächlich zur Diskussion stand. Zu Wort kam der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der bestätigte, dass es dieses Versprechen gab. Mit einem Federstrich wischte die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann diese Aussage im Handumdrehen beiseite, schließlich habe ja der Außenminister „gar nichts zu entscheiden“, so Strack-Zimmermann.

Am Ende der Sendung kam heraus, dass sich die Russen eine angebliche Bedrohung durch die NATO nur einreden. Ende der Durchsage. Es ist eben nicht vergessen: CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl versprach Gorbatschow hoch und heilig, dass sich die NATO zurückhält. Nur: Davon war in dieser Sendung schon gar nicht mehr die Rede. Dabei ist es nachweisbar, dass Kohl gar wohl dieses Versprechen abgab. Daraufhin gab Gorbatschow seinen Segen zur Einheit Deutschlands! Die Tinte des Einheitsvertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR war noch nicht trocken, als die ersten Waffen der NATO in Polen, Litauen, Estland, Bulgarien und Rumänien stationiert worden sind. Zugegeben, Gorbatschow war vertrauensselig, vielleicht sogar politisch blind. Er hat es versäumt, sich diese Zusage schriftlich fixieren zu lassen. So war es lediglich ein Versprechen zwischen zwei Männern, die sich sehr gut verstanden. Es war ein ehrliches Versprechen. Doch was ist dieses Versprechen des Westens wert? Was? Nichts! Im Nachhinein wollen die neuen Machthaber davon nichts mehr wissen. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen! Schlimm ist ferner, dass Journalisten diese Verlogenheit nicht aufdecken, sondern noch Öl ins Feuer gießen.

Um nicht missverstanden zu werden: Das rechtfertigt nicht das Vorgehen Putins, der diesen schrecklichen Krieg initiierte. Dieser Krieg ist und bleibt ein Verbrechen! Doch ich erwarte, dass sich Journalisten einbringen und dem Zuschauer erklären, warum es dennoch so weit kommen konnte. Denn: Jeder Krieg hat eine Vorgeschichte!

Aber genau diese Vorgeschichte wird ignoriert, ausgeblendet, geleugnet, vertuscht. Die verzerrten Informationen vieler Medien spiegeln sich auch in anderen Punkten wider. In der Tagesschau erklärt die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, dass die Ukraine schnellstens in die EU aufgenommen werden sollte. Irgendwann müsste doch aber die ARD mal hinzufügen, dass die Ukraine das korrupteste Land in Europa ist, noch vor Bulgarien und Rumänien. Doch dieser Fakt zählt nicht. Im Gegenteil, in der Tagesschau werden Bilder von demonstrierenden Menschen gezeigt, die lautstark fordern, die Ukraine endlich in die EU aufzunehmen. Selbstverständlich muss dem Land geholfen werden, das steht außer Frage.

Aber: Kann das erfolgen, indem den Zuschauern nur die Hälfte der Fakten mitgeteilt und Informationen unter den Tisch gekehrt werden? Die tendenzielle Berichterstattung geht weiter. In der Mitteldeutschen Zeitung stehen auf Seite 1 die Worte „unabhängig und überparteilich“. Wirklich? Ist das so? Nein, das ist nicht so. So war am 18. Mai dieses Jahres unter der Überschrift zu lesen „Gipfel der Putin-Versteher“. Damit auch keine Missverständnisse auftauchen wurde Putin-Versteher in der ersten Zeile des Textes gleich noch einmal in Kombination mit dem Wort „Faktenverdreher“ verwendet.

Wer konkret in der Berliner Humboldt-Universität auf dem Kongress unter dem Thema „Ohne Nato leben – Ideen zum Frieden“ zusammenkam, ist in der MZ nicht überliefert worden. Es hätte ganz sicher die Allgemeinheit interessiert, wie das ohne Nato funktionieren soll. Gleich gar nicht sind Ideen zum Friedenserhalt in diesem MZ-Beitrag genannt worden. Das war nicht das Ziel des Beitrages. Das bestand einzig und allein darin, die am Treffen teilnehmenden Gäste zu diffamieren, vornehmlich Mitglieder der Partei Die Linke. Wissen sollte man lediglich, dass der Beitrag aus der Berliner Redaktion kam. Wenn diese Redakteure darunter Qualitätsjournalismus verstehen, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Doch so langsam mehren sich die Stimmen, die lauter werden und eine andere Sichtweise auf diesen Krieg zur Sprache bringen. So haben 28 Intellektuelle aus Deutschland in einem offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) vor der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine eindringlich gewarnt. Was passierte daraufhin: In verschiedenen Medien begann, bildlich gesprochen, eine regelrechte Hetzjagd auf diese Personen. Wer nicht für die Lieferung dieser Waffen ist, wird gnadenlos zum Feind erklärt. Fest steht aber auch: Mehr und mehr Menschen lassen sich davon nicht schrecken. So nötigt mir der ehemalige Handballspieler Stefan Kretzschmar Respekt ab. In einer der letzten Sendungen von Markus Lanz im ZDF, in der Kretzschmar zu Gast war, bewies er, dass er Charakter hat und nicht einfach hinnimmt, was ihm inhaltlich blind vorgesetzt wird. Hut ab, Stefan! Bleibt die Frage, warum muss ein Handballer das äußern, was eigentlich die Aufgabe von Journalisten ist? – die Rolle der Amerikaner in diesem furchtbaren Krieg zu entlarven. Klartext redete auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer dieser Tage bei einem Bürgerdialog in Wilsdruff. Er habe Bedenken bei der Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine. Nicht nur er – zwei Drittel der Menschen aus Sachsen sehen das gleichfalls so. Und: Kretschmer lehnt ein Energie-Embargo ab und lässt alle Welt wissen: Nichts ist alternativlos! Es dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass der sächsische Ministerpräsident für seine Politik des Bauchgefühls bekannt ist. Der Autor dieser Zeilen glaubt fest daran, dass Kretschmer nach dem Spruch handelt „Das Bauchgefühl ist ein verdammt kluger Kopf“ …