Absurde Berichterstattung

editorial – Medienkuss Dezember 2021

Oh Gott, hat der Vorgang Wellen geschlagen! Der Sänger Gil Ofarim checkt in einem Leipziger Hotel ein, wie das eben alle Gäste tun. Doch nur kurze Zeit später postete er ein Video in die Welt und sprach von antisemitischen Beleidigungen durch einen Hotelmitarbeiter. In Windeseile twitterte der ehemalige Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, in knappen Worten: „Nie wieder Westin.“ Ich sage es auch mit wenigen Worten: „Mir verschlägt es die Sprache.“ Oder anders: „Ich bin fassungslos.“

Diese Worte von Kai Diekmann kann man wählen, selbstverständlich. Vorausgesetzt: Die Vorwürfe stimmen! Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Ist es hinnehmbar, wenn sich ein Chefredakteur für seine Äußerung später entschuldigen will, falls sie nicht stimmen? Für meine Begriffe geht das nicht. Was ist das bloß für eine Herangehensweise: Irgendetwas in die Welt setzen, im Zweifelsfall danach bedauern. Genauso gut kann einer behaupten, „du bist ein Lügner, falls das nicht stimmt, sorry.“

Es bleibt festzustellen: Das Porzellan ist zerschlagen! Die Botschaft ist es doch, die nicht nur das Hotel, sondern ganz Sachsen in Mitleidenschaft zieht. War doch wieder mal typisch für den Osten! Wohlgemerkt, Worte eines Chefredakteurs! Von dem an und für sich Weitblick gefordert wird. Doch der Mann ist nicht allein unterwegs. Die Berichterstattung einiger Medien zum Fall Gil Ofarim im Leipziger Hotel Westin ist für mich, gelinde gesagt, eine Katastrophe. Der Sänger wurde im Fernsehen und in etlichen großen Tageszeitungen quasi herumgereicht, alle stürzten sich auf ihn. Herr Ofarim sollte überall kundtun, was ihm passiert sei. Nach seinen Worten Unfassbares, Schreckliches. Was sich im Hotel tatsächlich zugetragen hat, spielte in dem Moment überhaupt keine Rolle. Die Nachricht war das Entscheidende: Der Osten hat Nachholbedarf in Sachen Demokratie. Hier, wo sonst, wird Antisemitismus groß geschrieben. Einige Reporter ließen den Mann ausführlich zu Wort kommen. Und nur ihn. Was der entsprechende Hotelmitarbeiter zu dem Vorfall sagt, ist sekundär. Im Hotel zu hinterfragen, wie das die Dinge sieht, brauchte man schon gar nicht mehr. Die Angelegenheit war doch sonnenklar.

So einfach machen es sich mitunter überregionale Medien. Alles in mir sträubt sich gegen diese Art Berichterstattung. Furchtbar, einfach nur widerlich. Irgendwann hat doch jeder, der im Journalismus tätig ist, etwas von Recherche gehört. Nehme ich an. Den Dingen auf den Grund zu gehen, Argumente und Gegenargumente gegenüber zu stellen, gründlich zu arbeiten – ist das zu viel verlangt? Wahrscheinlich. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Sollten tatsächlich Äußerungen gefallen sein, wie sie der Sänger schilderte, muss das geahndet werden. Ich hoffe, dass die Staatsanwaltschaft die Wahrheit ans Licht bringt. Denn bestimmte Medien scheinen daran kein Interesse zu haben.

Übrigens, was wurde nochmal zur Friedlichen Revolution in der DDR gefordert? Eine unabhängige und überparteiliche Presse. Sagen wir mal so: Erst wird daran gearbeitet!